Einmal rund ums Bergische Land mit 212 270 am 24.10.1996

Ein Bereitschaftsdienst am 24.10.1996

Einmal rund um das Bergische Land mit 212 270 . . .

 

lautete der Titel eines Beitrags, der 2006 durch einen Artikel im Historischen Forum von DSO ausgelöst worden ist und zu der "bislang zweiteiligen" Triologie von "Dienstberichten" vom Oktober 1996 ( "Quer durch den Pott" und "Ein Stadtexpress" ) führte, deren Schlußpunkt nun endlich erreicht wird.

 

Irgendwie erstaunlich ist auch das Auftreten so einiger Lokomotiven, von denen damals man Jahrelang nichts gehört hat und die dann plötzlich gebündelt vorkommen, so wie es bei weiteren Hifo-Beiträgen im Jahre 2006 mit weiteren Akteurinnen dieses Dreiteilers der Fall war.

 

Der User MB 61 hatte also die 212 321 in ihrer Saarbrücker Zeit mit ein paar Fotos gezeigt und mir kam dabei wieder die Erinnerung hoch, das ich 212 321 (Abnahme-Bw Steinbeck 17.05.1966) und ihre Schwester 212 327 (Abnahme-Bw Plattling 23.06.1966, v. Kaiserslautern 12.05.1986 nach Wpt) am 24.10.1996, während einer 04:00 Uhr-Bereitschaft Wuppertal nach Köln Deutzerfeld zur Umbeheimatung zu bringen hatte.

 

Nominell gehörten die beiden Maschinen zwar seit dem 01.01.1992 zum Bw Köln Deutzerfeld, jedoch wurden bestimmte Lok aus diesem Bestand weiterhin sowohl in der Werkstatt in Wuppertal behandelt, wie auch von dort eingesetzt. Dazu später mehr in der "V100 in Wuppertal-Geschichte" deren Auftakt diese kleinen Comics hier darstellen.

 

Und nun genug schwafelt, es geht Los.

Links der Kalenderauszug vom 24. Oktober 1996.

 

Eine knappe Stunde nach Dienstbeginn hatte ich die beiden Lokomotiven aus ihrer Nachtruhe geweckt und sie um 05:10 Uhr als 88140 in Bewegung gesetzt.

 

Deutzerfeld war bereits um 06:02Uhr erreicht.

 

Da sich der Spritverbrauch für die schlappen 45 km doch stark im Rahmen hielt und die Tanks noch voll waren, konnte ich die Loks nach dem Trennen auf ihre Stände hinter der Drehscheibe Ost verstecken. Wahrscheinlich auf Grund der Umbeheimatung habe ich mir sogar die entsprechenden Nachschaukilometerwerte aufgeschrieben.

 

Für die 212 321 waren es 8593 km und für die 212 327 nur 1542 km.

 

Damit endet quasi das Kapitel Wuppertal Steinbeck für diese beiden Maschinen, wobei ich zugeben muß, dass es sich gerade bei der 321 um eine Lok handelte, die wohl mit einem schlechten Blech aus der hintersten Ecke des Stahlwerkes (Blauer Montag? ;-)) gebaut worden ist.  Mir ist sonst keine solch usselige V 100 in Wuppertal bekannt gewesen und ich meine mich an einige Kraftausdrücke von Eugen Hermes über sie erinnern zu können, der sich als Werkmeister sehr pflichtbewußt und intensiv um die Steinbecker Lokomotiven kümmerte.

 

Das war nur die ganze Einleitung, denn was mir diesen Donnerstag den 24.10.1996, so in der Erinnerung festgebrannt hat war der Rest der Schicht, von dem ich Euch und Ihnen nun berichten möchte.

Bereits bei der Fahrt von Steinbeck herunter in die Stadt mit der alten Kirche und den reagenzglasähnlichen Biergläschen mit der durchsichtigen Plö . . ., äh..., dem hellen Bier, hatte ich mich mit dem Lokdienst verbinden lassen und nach weiteren Taten gefragt.

 

Prompt kam auch eine Antwort in Form einer Frage, ob ich denn nach Gremberg fahren und dort einen Zug nach Würgendorf bespannen könne.

 

Die Frage die sich mir aufdrängte würgte ich mir passenderweise gleich herunter, denn wer würde sich schon die Blöße geben, den erwähnten Ort nicht zu kennen und bejahte die Frage freudig, da es ja Neues kennenzulernen galt.

 

Ich schnappte mir also die zugeteilte 212 270 (Abnahme 23.06.1966, Bw Delmenhorst, Bw Wpt 01.07.1986), machte ihr ein wenig Feuer in den Eingeweiden, besorgte mir noch ein paar Frikadellen in der Kantine und brachte sie (die Lok, nicht die Frikadellen, die brauchten keine Nummern) dann als 88141 (KKD 07:14 – 07:32 KG) in den großen Bahnhof Gremberg (13km), wo es übrigens auch gute, da ebenfalls selbstgemachte Frikadellen in der Kantine gab.

 

Bei der Ankunft in Gremberg konnte ich dann mit Hilfe der mir bereits bekannten Zugnummer schnell „meinen“ Zug ausfindig machen lassen. Man lotste mich direkt in die Südgruppe, so dass ich dann schon einmal ziemlich sicher sein konnte, das es auch in dieser Richtung aus dem Bahnhof gehen würde ;-).

 

Zwischenzeitlich hatte ich mir allerdings auch Gewissheit verschafft wo Würgendorf zu finden war, denn ich hatte mir ein paar Jahre vorher einen Schienenatlas (zwei überlappend geschnittenen Deutschlandkarten Stand 1991) in Form eines Taschenbuches erstellt, welches ich für solche Fälle stets bei mir führte.

 

(Was mich an die Frage erinnert, warum es den Atlas von Schweers und Wall immer noch nicht im gleichen Maßstab 1:300000, aber in taschenfreundlicherem Format gibt?)

 

Nach dem Umsetzen der Lok im kurzen Wendegleis neben dem Überführungsbauwerk der Gremberger Umfahrung, landete ich also an meinem 72304 (KG 08:29 – 10:29 EWGD).

 

Die Fuhre sah auf den ersten Blick ganz ordentlich aus, war doch das Gleis recht gut vollgestellt . . .

und die 53 km auf dem Gebiet der BD Köln und den folgenden 44 Essener Kilometer bis zum Ziel versprachen ganz lustig zu werden. (Wenn sie denn in einem Gleis gestanden hätten ;-))

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Würgendorf lag wie ich ja inzwischen schon festgestellt hatte an der ehemaligen Hauptbahnverbindung von Köln nach Gießen,  deren mittlerer Teil zwischen Betzdorf und Haiger nach der Elektrifizierung der Linie über Siegen doch stark an Bedeutung verloren hatte.

 

Jedenfalls galt ab Betzdorf, wie der Auszug aus dem Buchfahrplan Juni 1995 ausweist, eine Grenzlast von 740 Tonnen nach Würgendorf und die Wagen die dort, wie im unteren Bild zu sehen, standen hatten schon einiges mehr aufzuweisen.

Als ich dann auf Geheiß des örtlichen Personals an den Zug gefahren war und der Kollege mir die verdächtig wenigen Papiere reichte, war schon klar das man mir nicht die ganze Schlange anvertrauen wollte. Der Bremsbeamte sprach von einem einzigen Wagen, der in der Nacht mit einem verspäteten Dg aus dem Süden gekommen war und nicht mehr rechtzeitig in Richtung Betzdorf / Würgendorf weiterbefördert werden konnte.

 

Noch mal Glück gehabt. ;-)

Hier rechts ein Blick auf das Explosivtelegramm.

 

KG = Köln Gremberg

KT = Troisdorf

KEIT = Eitdorf

KAU = Au (Sieg)

EBZ = Betzdorf

EHF = Herdorf

EBUR = Burbach

EWGD = Würgendorf

 

Die heraufgereichten Papiere sagten nun über meinen „Ganzzug“ (da ja nur eine Wagengattung im Verband war ;-) folgendes aus. Bei zwei Achsen und einer Zuglänge von 15 Metern brachte ich es auf ein Gesamtgewicht von 40 Tonnen, von denen die Ladung, 23 Tonnen Zuschlagsstoffe für die Herstellung von TNT ausmachten.

 

Tja mit den Explosivstoffen ist das so eine Sache, man müsste halt für solche Fälle sein FähnleinFiselschweifAllesDrinTaschenbuch

mithaben, um festzustellen ob es bei den Sachen schon "BUMMM" machen kann, was ich aber in dem Fall nicht vermute;-)

 

Mein Blick fiel auf meine lustig vor sich hinschmauchende Pfeife (damals noch keine Todsünde, heute komplett abgestellt.), deren abgerauchten Inhalt ich doch sehr oft, noch glimmend aus dem Fenster zu entsorgen pflegte.

Diese sowieso schon schlechte Angewohnheit galt es also besser für diese Fahrt gänzlich zu unterbinden. Man weiß ja nie ;-))

Nach dem alle Bedenken zerstreut und die für die Abfahrt notwendigen Formalitäten erledigt waren, ging die Fahrt also bei bestem Herbstwetter und strahlendem Schein der schon aufgegangenen Sonne in Richtung Süden los. Die erlaubten 90 km/h waren schnell erreicht und bald lag der Bahnhof Troisdorf hinter mir.

 

Mittlerweile hatte ich ja genug Zeit gehabt, dem Führerstand der 270 ein wenig Sauberkeit zu verleihen und meine wichtigsten Ge- und Verbrauchsmittel zu platzieren. Kaffee und Tabak hatten ebenso ihren Platz gefunden wie die Knipskiste, die nun nur noch auf die passenden Gelegenheiten zu warten hatte.

 

Um Nachfragen vorzubeugen, sei erwähnt dass ich natürlich auch Fahrpläne und sonstige Unterlagen an den dafür vorgesehenen Plätzen verstaut hatte.

 

Schließlich war das Dienst und kein Urlaub!

 

Wie wir hier sehen können beeilte sich 212 270 auf dem Weg über die Hauptbahn nach Betzdorf, wurde aber (ausnahmsweise gewollt ;-)) durch einen vorauslaufenden Pz am zügigen Fortkommen gehindert. Während der Pz noch in Dattenfeld seiner Bestimmung nach einen Halt am Bahnsteig hat, um den Reisendenwechsel zu vollziehen, sieht man hier Schwarz. Das des Hoppengarten-Tunnel.

Auch der Stop auf der Brücke war Ergebnis der schleichenden Verfolgung des Personenzug, den ich in Hennef schon eingeholt hatte. Da kann man dann schon mal ein paar Momente an den Halt zeigenden Signalen nutzen, wenn man dann auch noch ein wenig Streckenkunde hat . . .

Hier steht der komplette Zug auf der Siegbrücke bei km 59,5 also vor Rosbach.

 

 

Letzter Blick über die gesammte Zuglänge hinweg, auf die langsam entschwindende Zivilisation (in diesem Fall ist das Betzdorf) während der Fahrt in den wilden Westerwald hinauf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine kleine Verschnaufpause ergab sich dann hier in Herdorf. Die Frage die sich im dortigen Bahnhof geradezu aufdrängt, worauf denn die Reisenden und 212 270 gemeinsam (w)achten?

Hier ist es die RB 8960 in Gestalt des 628 455, der sich anschickt die Wartenden vom Bahnsteig in Herdorf zu entfernen.

 

 

 

 

 

 

Bild unten:

 

Endlich war nun das entlegene Ziel Würgendorf erreicht und die Lok konnte sich nach dieser besonders anstrengender Bergfahrt verdient ausruhen.

 

Es dauerte eine Weile bis der Wagen durch die Werklok von Dynamit Nobel abgeholt werden sollte.

Die Firma Dynamit Nobel AG, Werk Würgendorf, schickte ihre DL 1 die ca. 2 km lange Anschlußbahn, vom versteckt mitten im Wald (Googlemaps) gelegenen Werk, die bis zu 1:17 (!) starke Steigung zum Staatsbahnhof hinab.

 

Die Informationen zur auf den Bildern zu sehenden Diesellokomotive  sind aus der Lieferliste der Firma Jung aus Jungenthal:

 

Jung 1956 R 30 C C-dh 1435 neu Dynamit AG vorm. Alfred Nobel & Co., Troisdorf Bez. Köln, für Fabrik Würgendorf "DL 1" (1987, 1993, 1994, 07.1998, 10.2000 iE) /27.02.2001 NEWAG, Oberhausen /07.03.2001 Alstom, Bangkok [Tailand]

 

Nachdem die Rangierer sich mit dem Fahrdienstleiter ausgetauscht hatten, setzte sich die DL1 hinter den stattlichen Zug und wurde dort an den Waggon gekuppelt. Ein passender Moment den auf festzuhalten galt.

Nur der Vollständigkeit halber sei auch noch die

 

DL2, MaK / 220062 / 1960 / 240 B / B-dh / 1435 mm, 240 PS, 33 t

 

__.09.1960 Auslieferung an Dynamit Nobel AG, Burbach-Würgendorf "DL 2"

12.03.2001 an PACTON Eisenbahnservice + Spezialtransporte Kay Winkler, Radevormwald [Händler]

__.__.2003 nach Südfrankreich [F] [über NEWAG, Oberhausen]

__.__.__ Verbleib unbekannt.

 

genannt, die ich allerdings an diesem Tag nicht gesehen habe. Ein Link zu Loks aus Kiel aus dem die obigen Daten stammen.

 

 

 

Aus dem Fahrdienstleiterstellwerk hatte man folgenden Blick auf 212 270 und damit der Hausherr immer wusste wo seine ihn besuchenden Züge hinfuhren, wurde ihm sogar ein dezenter Hinweis auf dem Bahnsteig spendiert. Auch für die V 100 2270 wies das Schild schon in die richtige Richtung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein weiteres Gespräch mit dem für Würgendorf zuständigen Lokdienst der BD Essen und der Nachfrage meinerseits, ob denn noch etwas zu tun sei, verneinte der Kollege vehement. Besonders die Nennung der Lokomotive ließ seine Hoffnungen schwinden, noch irgendetwas mit ihr  und mir anfangen zu können. Auch das sonst so beliebte Spiel Lokführer aus der BD Köln die Lokomotive zu klauen,

 

„Lz Wanne, Eilgut-Gleis 15, Lok abstellen, Fensterplatz Heimat“ verfing hier nicht.

 

Also teilte man mir meine neue Lz Nummer, die 84451 mit, um mich in die Heimat zu entlassen. Mit dem Fdl Würgendorf  wurde dann kurz eine passende Zugpause ausgesucht und die Abfahrt nach der nächsten Zugkreuzung ins Auge gefasst.

 

 

Rechts im Bild der zweite Teil des Buchfahrplanausschnitt aus dem Juni 1995, die Strecke zwischen Betzdorf und Haiger betreffend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier im Bild unten sehen wir noch einmal eine Verkehrsspitze in dem Zentralbahnhof von Würgendorf, wo der 628 688 als RB 8962 seine Aufwartung macht. Gar nicht lange nach diesem denkwürdigen Augenblick ging es nun also los mit der Lz 84451, welche Würgendorf ( EWGD) um 10:53Uhr verließ und im Bereich der BD Esn 159km, sowie in der BD Köl noch 12km bis zur Heimat zurückzulegen hatte.

Bild oben: Ganz allein im Westerwald, sehen wir unsere Protagonistin als Lokzug 84451 Würgendorf - Wuppertal Steinbeck bei km 107,6 zwischen Würgendorf und Holzhausen.

 

Das Bild unten ist am Haltepunkt in Niederdresselndorf entstanden, den man sicher auch besser in Szene setzen kann.

 

 

 

Unterwegshalte muss man nutzen wie sie fallen oder dafür sorgen das sie dahin fallen wo man sie hin haben will! Allerdings hatte ich ja vorher einen Plausch mit dem Fdl EWGD über die Fahrtzeiten der anderen Züge . . .

Bild rechts: Warum in Gottes oder wessen Namen auch immer, ich mir immer derartige Fotostellen aussuchen ist mir auch heute noch ein Mysterium.

Nicht das Allendorf als häßlich zu bezeichnen wäre.

 

 

 

 

Bild links: Die 212 270 am gleichen Standort wie im Bild oben. Diesmal mit freien Blick über den Westerwald und über Allendorf.

 

Nach dem Kopfmachen in Haiger, galt es eine kurze Zugpause abzupassen und unter dem Fahrdienstleisterstellwerk zu rasten, bevor es dann „Tender voraus“ oder wie auch immer das heißt, weiter in Richtung Hagen ging.

Das letzte Bild an diesem Tage zeigt die schnelle Durchfahrt der 84451 in Finnentrop, wo sich hier ein Stelldichein von zwei Reichsbahnbaureihen ergeben hat und ich leider wohl die Fahrt nicht ausreichend verzögert habe, um eine bessere Aufnahme zu erhalten, sodass auch durch eine längere Bearbeitung nicht mehr herauszuholen war.

 

Meinen Aufschreibungen nach, habe ich Wuppertal Steinbeck um 13:41Uhr erreicht und diesen „anstrengenden“ Dienst, nach einem gescheiten Abschlussdienst mit Tanken um 14:27 Uhr beendet.

 

 

 

 

 

 

 

Ich hoffe das dieser kleine Ausflug „Rund um das Bergische Land“ und die anderen beiden Beschreibungen möglichst vielen von Euch und Ihnen gefallen haben und diese nicht mit zu vielen Details befrachtet waren. Außerdem, wie sagte da noch ein von mir sehr geschätzter und weiser Mann, namens Peter Ustinov, „Heute sind die Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werde.“

 

Die besten Grüße aus dem Bergischen

 

Michael Peplies

Bei auftretenden Fragen oder auch interessanten Anmerkungen besteht über einen Eintrag im Gästebuch  oder über

 

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